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April 19 2012
Kristina Schröder – nichts erreicht, außer Protest
Am Dienstag abend war ich, Twitterverabredung sei Dank, spontan bei der Buchvorstellung von Kristina Schröders Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber“ (und damit potentiell dem BKA gemeldet). Gewappnet mit den gruseligsten Zitaten sah ich schon das Schlimmste voraus.
Tatsächlich raunte es schon nach zwei Minuten BINGO, als Schröder verlauten ließ, „auch ihre beste Freundin sei Feministin.“ Danach folgte eine Weile das, was schon die Süddeutsche beschrieben hat. Schröder schilderte jede Menge Probleme, sieht sich jedoch nicht in der Lage, dagegen etwas zu tun. Rollenbilder machen es jungen Leuten heute immer noch schwer, ihre Lebensentwürfe durchzusetzen? Schlimm, aber was kann da die Familienministerin schon machen? Mini-Jobs sind eine Sackgasse und eigentlich bedarf es eines Rechtsanspruches, aus Teilzeit wieder in Vollzeit zurückkehren zu können? Schröder weiß darum, allein, sie tut nichts.
Dass „Happening“ von Extra3, samt Goldener Schürze und Chorständchen bot dann den ersten Höhepunkt des Abends. Peinlich berührt war Schröder dann auch bei den weiteren Aktionen (Kaviar!) und Nachfragen. So führte Laura Dornheim an, dass es sehr wohl Studien gäbe, die verpflichtende Quoten unterstützten – bei derartigen Fakten wich Schröder dann aus und unterstellte, nur ihre Flexi-Quote würde sich auch an Vorstände richten. Der letzte Gesetzesvorschlag der SPD zum Frauentag ist wohl an ihr vorbeigegangen.
Danach brachte ich das Osnabrücker Krippenproblem an. Hier wird die 35 Prozent-Marke erfüllt werden, der weitere Ausbau wird vom Bund allerdings nicht weiter unterstützt werden. Auch hier konnte man sich bei Schröders Antwort nur an den Kopf fassen. So sagte sie ganz klar, dass es einen Unterschied zwischen Bedarf in Städten und auf dem Land geben würde – und beschwerte sich dann, dass noch nicht alles an Bundesgeldern abgerufen worden sei. Dabei sitzt sie hier am Hebel und könnte etwas ändern, etwa die auf dem Land nicht gebrauchten Gelder für die Städte frei geben.
Wie auch bei anonymen Bewerbungen setzt sie hier auf „die Politik des Nichteingreifens“. Vorgaben aus den positiven Ergebnissen für Frauen und Migrant_innen lässt sie bleiben. Dass ihr Ministerium jetzt bei anonymen Bewerbungen bleibt, muss als Vorbild für alle anderen reichen. Firmen die diskriminieren, wäre das irgendwann peinlich. Auch Peinlichkeit setzen, oder auch Politik 2.0!?
Vermutlich das Beste am Abend waren die zahlreichen Wortmeldungen junger Feministinnen, die sich gegen die Diffamierung „des Feminismus“ durch Schröder wehrten. Ihren Reaktionen nach zu urteilen, hat sie das allerdings nicht gehört. Schade.
Seit heute gibt es nun einen Offenen Brief an Dr. Schröder, der sie aufgrund des vielfältigen Nichtstuns zum Rücktritt auffordert. Die Mädchenmannschaft hat ihn mitunterzeichnet und auf nichtmeineministerin.de ist es auch allen anderen möglich! Mehr auch unter #nichtmeineministerin und facebook.com/nichtmeineministerin. Und: Bloggt darüber, Karnele hat es z.B. auch schon getan!
April 07 2012
Hallo Welt, ich suche einen Job
Was ich suche:
Was ich kann:
Was ich habe:
Details in meinem Lebenslauf, Referenzen und Nachweise auf Anfrage.
February 15 2012
ACTA-Protest im Spam? Die Botschaft ist eindeutig!
Liebe EU,
bei klirrender Kälte sind wir, Deine Bürgerinnen und Bürger, auf die Straße gegangen und haben gegen ACTA protestiert. Wir haben uns lustige Schilder gebastelt mit Sprüchen aus diesem „Internet“, um genau dieses zu verteidigen. Wir haben aber auch protestiert gegen intransparente Politik, die Kritik an sich mit „Ihr wisst doch, dass wir darüber reden“ abbügelt. Gegen Politik, die Abkommen gegen Produktpiraterie im Agrar- und Fischereiausschuss kurz vor Weihnachten absegnet, also wenn niemand hinschaut.
Nun wackelt ACTA, vielleicht kommt es durch, vielleicht auch nicht. Geschenkt. Denn verstanden habt ihr augenscheinlich nichts. Ganz offiziell heißt es da, alle ACTA-Mails landeten von nun an im Spamordner. Vernünftige Krisenkommunikation sieht anders aus, Internet hin oder her. „Seht her, Eure Bedenken sind uns so wichtig, wir haben nun extra Leute dafür abgestellt.“ wäre eine bessere Antwort gewesen. Dann hättet ihr die E-Mails natürlich immer noch aussortiert und das Krisenteam hätte mit vorformulierten Standardmails geantwortet, aber es hätte wenigstens gut ausgesehen.
So aber landen unsere Bedenken im Spam – dort wo auch die Produktpirat_innen für gefälschte Rolex, Viagra und Officepakete werben. Die Botschaft ist eindeutig.
Deine Bürgerinnen und Bürger
February 08 2012
Warum die AXE-Werbung so rassistisch ist und warum das wirklich schlimm ist
Ob 2012 wirklich die Welt untergeht, wird sich noch zeigen. Untergegangen ist dieses Jahr schon mal der verantwortungsbewußte Umgang mit der Geschichte. Wer hat’s gemacht? Axe, bei deren Kampagnen jedes einzelne Mal Menschen die Mädchenmannschaft um eine Intervention bitten. Dieses Mal haben sie neben sexualisierter Gewalt auch gleich noch ein wenig Neo-Kolonialismus und Rassismus dazugepackt.
„Such Dir eine Stellung als Missionar“ heißt es als Ziel bis zum Untergang der Welt. Während anscheinend langsam klar ist, was Sexismus ist, scheint bei rassistischen Motiven noch große Verwirrung zu herrschen. Neben dem üblichen Totschlagargumenten des Derailing 1×1 („Du bist rassistisch/sexistisch gegenüber weißen Männern, Du verstehst keinen Spaß und bist sexuell frustriert, als Weiße darfst Du Rassismus nicht kritisieren, es gibt viel schlimmere Probleme“) zeigte sich bei vielen auch ein großes Fragezeichen, sobald ich das Thema ansprach. Ebenfalls immer groß: „erklär mir persönlich jetzt, sofort und genau, was das Problem ist, aber erwarte nicht, dass ich wirklich interessiert bin“. Doch genug der Trolle und stattdessen eine Einführung, warum ich dieses Plakat so gruselig finde.
Oberflächlich betrachtet zielt „such Dir eine Stellung als Missionar“ auf die Missionarsstellung ab. Doch hinter diesem ersten Wortspiel verbirgt sich eine lange, problematische, rassistische und sexistische Geschichte, die besonders in Deutschland wenig beachtet wird. Eine treibende Kraft hinter der Kolonialisierung Afrikas waren Missionare, die „den Wilden“ endlich Gott näher bringen wollten:
1842 kamen die ersten Missionare aus Barmen nach Südwestafrika, in ein Gebiet, das von den Hereros und den Namas besiedelt war. Alle Bemühungen, sie zu »bekehren«, schlugen fehl; das »Wort des Evangeliums prallt an ihnen ab«, klagte ein führender Missionar der Missionsleitung nach Barmen. Das sollte sich bald ändern. Hier war nämlich gerade ein Mann zum Missionsinspektor ernannt worden, der für die nächsten 27 Jahre, von 1857 bis 1884, die Geschicke der Missionsgesellschaft bestimmte und zugleich den »Anstoß zur kolonialen Bewegung in Deutschland gab«, wie die evangelische Realenzyklopädie 1898 stolz vermerkt: der Pfarrer Friedrich Fabri. Dieser Missionstheologe hatte erkannt, daß es töricht sei, bei der »Heidenbekehrung« allein dem Worte Gottes zu vertrauen. Er entsann sich der erfolgreichen Missionspraxis früherer Jahrhunderte, als neben den Predigern immer auch Händler, Siedler und Soldaten eingesetzt worden waren, mit deren Hilfe die »Bekehrten« und ihr Land in die Abhängigkeit der christlichen Mutterländer und Kirchen kamen.
An den verheerenden Folgen der wirtschaftlichen Abhängigkeit, der Ausbeutung der Rohstoffe, den Toten des Widerstandes und der Auflösung sozialer und geografischer Strukturen knabbert Afrika bis heute, was sich dann in Spiegelserien wie „Der Fluch des Paradieses“ niederschlägt. Ein Beispiel aus dem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung:
Mit Hilfe des Schienenverkehrs gelang die Überwindung des afrikanischen Transportproblems, das bis dahin das entscheidende Hemmnis einer beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung gewesen war. Die Eisenbahn senkte wesentlich die Transportkosten. Für die zukünftige Entwicklung Afrikas war jedoch von Nachteil, daß die Eisenbahnschienen nicht traditionellen Handelsrouten folgten oder die wirtschaftliche Erschließung des gesamten Kolonialgebietes zum Ziel hatten. Vielmehr dienten sie neben dem strategischen Zweck nun vor allem dazu, den Gütertransport aus landwirtschaftlich oder mineralisch begünstigten Regionen zu den Häfen oder politischen Zentren eines Kolonialgebietes sicherzustellen.
Zwar gibt es heute „Entwicklungshilfeministerien“, in Deutschland bekommt dieses gerade einmal die Hälfte (ca. 0,35 Prozent) dessen, was als Budgetanteil nach einer OECD-Vereinbarung vorgesehen ist (0,7 Prozent). Den größten Teil davon stellen tatsächlich Schuldenerlasse dar, ebenfalls ein großer Brocken sind Studienplatzkosten. Erstere sind, um es mit Karlheinz Böhm zu sagen, ein historischer Zynismus, zur Situation von ausländischen Studierenden sei ein Report des Deutschen Studentenwerks empfohlen (tl;dr Studierende aus Entwicklungsländern finanzieren sich überwiegend selbst/familiär und studieren vor allem MINT-Fächer, also das, wo immer Studienplätze unbesetzt bleiben). Viel Geld scheint auch auf Funktionär_innen der FDP zu entfallen… Speziell auf die USA bezogen hat Ampersand einst einen Cartoon gezeichnet, der zur deutschen Situation aber auch passt (Klick für großes Bild):
Bleibt die Frage zu klären, welche sexistisch-rassistische Komponente die Werbung mit sich bringt. So konnten etwa die Besitzer von Sklavinnen über diese verfügen, daraus entstandene Kinder waren ebenfalls Sklav_innen und vergrößerten damit das Arbeitspotential. Legitimiert wurde das, wieder einmal, mit Religion:
Moral justification for the sexual oppression and exploitation of African American slaves stemmed from 15th century Christian missionary attitudes that vilified the „sexual appetite“ of Africans. Stereotypes about male African American sexual prowess and the sexual promiscuity of female African Americans linger to this day.
Die moralische Entschuldigung für die sexuelle Unterdrückung und das Ausbeuten afrikanisch-amerikanischer Sklav_innen rührte aus christlich-missonatischen Ansichten des 15. Jahrhunderts, die den „sexuellen Appetit“ von Afrikaner_innen verdammten. Stereotype über das sexuelle Können afrikanisch-amerikanischer Männer und die sexuelle Promiskuität der Frauen bestehen bis heute fort.
So wurde es in afrikanischen Kolonien toleriert, wenn weiße Männer mit Schwarzen Frauen (nicht-)eheliche Beziehungen eingingen, während vor dem Gegenteil gewarnt wurde (S. 208). Da man besonders Frauen der „Unterschicht“ ein Faible für Schwarze zuschrieb, an dieser Stelle auch noch Bonuspunkte für Klassismus.
Damit habe ich jetzt gerade einmal an der Oberfläche gekratzt, dennoch sehe ich schon die Kommentator_innen, die „Du liest da zuviel hinein“ posten wollen. Ja, ich habe viel gelesen und mich informiert. Weil es dringend nötig ist, dass wir uns daran erinnern, was in der modernen Menschheitsgeschichte passiert ist. Wie lange Menschenrechte nicht für alle Menschen galten. Weil Rassismus und Sexismus bis heute an jeder Ecke und auf viel zu vielen Plakaten sind. Weil diese Plakate die Toten und die Menschenrechtsverletzungen verdecken und die Kolonisationsgeschichte auf einen schlechten Wortwitz reduzieren. Weil sie das Vergessen und die Ignoranz normalisieren. Weil das Menschen weh tut und es erst aufhören wird, wenn jede_r den Rassismus entdeckt und aktiv dagegen vorgeht, statt sich hinter „ist doch nicht so schlimm“ zu verstecken.
January 30 2012
Stereotype aufbrechen! Neues von CyberMentor
Neues Wochenende, neue Stadt, neues Glück. Am Samstag gab es in Regensburg den ersten CyberMentor-Kongress. CyberMentor ist ein E-Mentoringprogramm, dass junge Mädchen mit Studentinnen und Absolventinnen der sogenannten MINT-Fächer zusammenbringt (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Inzwischen ist es das größte Programm dieser Art und das einzige, dessen Auswirkungen gleichzeitig erforscht werden.
Um die Vorstellung sowohl des Projektes, als auch der ersten Forschungsergebnisse ging es nun bei dem Kongress. Nach einigen Grußworten, die zunächst nichts Gutes verhießen („ich betreibe Frauenförderung, ich habe drei Töchter, eine Ehefrau, eine Assistentin und eine Sekretärin“) ging es los. Forschungsministerin Annette Schavan war leider nicht gekommen, ließ aber die Leiterin des Nationalen Paktes für mehr Frauen in MINT-Berufen (Komm mach MINT) eben diesen Pakt vorstellen. Dass es ihn gibt und dass damit endlich systematischere Arbeit begonnen wurde ist zu begrüßen – leider wurde aber auch deutlich, dass wieder einmal versucht wird, Probleme anzuerkennen, um sie dann möglichst umsonst von anderen lösen zu lassen.
Anschließend gab es Vorträge von Heidrun Stöger und Albert Ziegler, der Projektleitung von CyberMentor (die wohl auch bei den Einführungsworkshops gehalten werden, die habe ich aber bisher immer verpasst). Prof. Stöger führte die vielfältigen Probleme auf, die Mädchen von MINT-Fächern fernhalten, darunter: Eltern, die ihren Töchtern in diesen Bereichen weniger zutrauen und weniger von ihnen erwarten, Lehrkräfte die es ähnlich sehen und auch einem Backlash in Schulbüchern, die wieder Männer bei der Arbeit und Frauen zu Haus abbilden. Stichwort: Stereotype!
Prof. Ziegler ging anschließend auf Mentoring ein und präsentierte auch erste Ergebnisse. So sei Mentoring prinzipiell vielversprechend, bei dauerhaften Widerständen verpufften die Ergebnisse aber wieder. Wichtig sei es also, dass es geschützte Räume gebe, in denen sich Schülerinnen fernab von blöden Kommentaren und Stereotypen mit MINT-Themen beschäftigen können. Das bietet CyberMentor, aber auch hier sei zu erkennen, dass der Kontakt zwischen Mentorin und Mentee nach einer Weile abnehme. Ebenfalls wurde festgestellt, dass das Programm bereits besonders interessierte Schülerinnen anziehe. Für die nächste Runde wird daher das Konzept weiterentwickelt und es werden statt 1:1 Mentoring kleine Gruppen gebildet werden.
Apropos nächste Runde. Auch bei CyberMentor ist die Finanzierung eine wackelige Sache. Immer wieder muss um neue Gelder gekämpft werden, wie so häufig werden einmal begonnene Projekte nicht dauerhaft gefördert. Hier gibt es nun einen Beirat mit Mitgliedern aus Wissenschaft und Wirtschaft, der für die nächsten fünf Jahre Geld von verschiedenen Unternehmen zusammengetragen hat. Einige der Mitglieder waren in der abschließenden Podiumsdiskussion versammelt, die ebenfalls viele wichtige Punkte ansprach. So machte der CIO von Daimler deutlich, dass bei Vorurteilen gegen Frauen („die wird doch eh bald schwanger“) nur helfe, in der Unternehmenspolitik das Bekenntnis zu Diversität und gegen Benachteiligung zu verankern.
Auch angesprochen wurden „Karrierehemmnisse“ wie das geringere Selbstvertrauen von Frauen, die sich oft nicht von selbst auf Aufstiegspositionen bewerben – kein Wunder, wenn bereits Lehrer ihren Schülerinnen weniger zutrauen. Und auch dass „kopiert Männer“ kein Patentrezept sei, wenn das Verhalten von Frauen in Gehaltsverhandlungen anders bewertet werde, als das ihrer Kollegen. Eine Teilnehmerin merkte ferner an, dass CyberMentor auch den Mentorinnen eine gute Austauschmöglichkeit biete, da viele Frauen in technischen Berufen weiter sehr alleine seien.
Insgesamt war es dann doch eine spannende Konferenz, bei der viele Probleme angesprochen wurden und es selbst für Leute, die sich mit Gender, Frauenförderung oder Mentoring bereits auseinandergesetzt haben, noch etwas zu lernen gab. Leider wurde wiederholt deutlich, dass ein großes Problem Stereotype sind, die mit einem Programm nicht aus der Welt zu schaffen sind. Ein systemischer Wandel, wie er mehrfach gefordert wurde, bedarf noch weitaus mehr Interventionen als den vorgestellten. Hier zeigte sich eine gewisse Ratlosigkeit, bei der ich mir wünsche, jede und jeder auf der Konferenz würde vielleicht einmal bei sich selbst anfangen, seine/ihre eigenen Vorurteile überprüfen und genau schauen, wo sie weiter perpetuiert werden.
January 22 2012
Erste Eindrücke vom Google Co:llaboratory
„Menschenrechte und Internet“ – Unter diesem Titel begann am Montag in Berlin das fünfte Google Collaboratory (um das sich analog zur Mädchenmannschaft oder dem PolitCamp nun ein Verein gegründet hat, in Deutschland wird halt alles vereinsrechtlich geregelt). Rund 30 „Expert_innen“ sind diesmal dabei, vor allem Rechts- und Verwaltungswissenschaftler_innen, einige Aktivist_innen und erstaunlich wenig Menschen aus der Wirtschaft.
Nach einer Vorstellungsrunde ging es direkt schon zur Bildung von thematischen Untergruppen, die sich dann einen weiteren Plan erarbeiten sollten. Plan? Was genau wir jetzt eigentlich machen sollen, war irgendwie niemand klar. Aus dem letzten Colab ist ein Buch mit Texten erschienen, diesmal soll es interaktiver werden. Doch wieder Texte, Aktionen oder sogar Softwareideen? Aufgelöst haben wir die Frage am Ende des Tages nicht, aber immerhin sind wir an anderen Stellen weitergekommen.
Zusammengekommen zum Thema „Aktivismus“ entstand die Arbeitsgruppe „Organisationsformen und Durchsetzung“. Ein Titel, der mir besonders gefällt, weil er die politische Arbeit, den Aktivismus, dem ich in den letzten Jahren begegnet bin, konkret beschreibt. Er trifft gleich mehrere Fragen, die sich Aktivist_innen stellen müssen, um gezielt etwas zu bewegen: Wie organisieren wir uns? Auf welcher Ebene müssen wir arbeiten, wenn wir etwas bewegen wollen? Wie können wir andere Aktivist_innen unterstützen?
So haben wir festgehalten, dass politische Arbeit auf mehreren Ebenen ablaufen kann: Aufklärung (im öffentlichen Raum), Lobbyarbeit gegenüber politischen Institutionen und das „Handwerk“, die Benutzung von z.B. Software. Je nach geografischem Ort und Zeitpunkt können verschiedene Punkte wichtig sein. Hier regelmäßig Positionsbestimmungen vorzunehmen ist die erste wichtige Erkenntnis, die ich aus dem Colab mitgenommen habe. Was wollen wir erreichen, auf welcher Ebene müssen wir arbeiten? Haben wir überhaupt die Ressourcen oder fehlt es vielleicht schon beim Handwerk? Fragen, die sich sowohl neue Bewegungen, als auch etablierte Gruppen stellen sollten.
Besonders bei neuen Initiativen schließen sich daran eine Reihe an Überlegungen an – wie genau Aufklärung funktionieren kann, wie Lobbyarbeit, wie überhaupt Voraussetzungen geschaffen werden. Wo das Wissen um Handwerkszeug liegt und wie man daran herankommt. Die ursprüngliche Unsicherheit, worum es im Colab gehen könnte, ist noch nicht ganz gewichen, da beginnt es in meinem Kopf zu brummen. Selbst die Beschränkung auf „Organisationsformen und Durchsetzung“ sprengt eigentlich den Rahmen von drei Monaten. Ich bin gespannt, wie weit wir kommen werden.
January 11 2012
Aus dem Leben einer Feministin: Intersektionalität
Bei Intersektionalität ging es mir lange wie vielen bei mathematischen Konzepten: Zusammenhang gehört, macht irgendwie Sinn, aber der letzte Funke fehlte noch.
Nun habe ich die letzten Tage viel Energie und Zeit auf die Kontroverse mit Rappaport verwandt (z.B. bei der Mädchenmannschaft). Ein Kampf, der irgendwann ermüdend wird und sinnlos scheint. Auf der Facebookseite überwiegen inzwischen die Kommentare mit „man wird doch wohl das N-Wort noch sagen dürfen“ und die meisten Presseberichte gehen in die gleiche Richtung. Weiße Menschen versichern sich allerorten, was nicht rassistische gemeint sei, könne halt nicht rassistisch sein. Im Offline-Leben sieht es etwas besser aus. Anstrengend ist es aber ohne Ende gewesen.
Was hat das nun mit Intersektionalität zu tun? Stop! Talking hat es mir richtiggehend in den Kopf gehämmert: Nach all der Aufregung kann ich nach Hause gehen und der ganze rassistische Scheiß betrifft mich nicht mehr. Sexistische Anfeindungen werde ich nicht los. Aber solange ich mich nicht explizit hinstelle und gegen rassistische Taten etwas sage, kriege ich keine Probleme. Vielleicht sehe ich noch Blackface-Plakate und rege mich darüber auf, aber sie greifen nicht meine Hautfarbe an.
Ich werde weiter Diskussionen aufgedrückt bekommen, ob kurze Röcke vielleicht doch eine Einladung zur Vergewaltigung sind – aber keine Diskussion, ob Schwarze Menschen vielleicht doch dümmer sind als Weiße. Nur, wenn ich dazu ausdrücklich Stellung beziehe und dann stehe ich auf einer ganz anderen Ebene. Anders als in Genderdiskussionen wird nicht mehr über mich geredet, als Weiße steht meine Intelligenz nicht zur Debatte. Wenn ich es mir anders überlege kann ich zurückflüchten in die Facebookkommentarwelt, in der weiße Menschen keine rassistischen Dinge tun.
Als Schwarze Frau könnte ich das nicht. Und ich müsste jederzeit damit rechnen, dass die Frau, mit der ich mich eben noch gegen Vergewaltigungsentschuldigungen eingesetzt habe, nicht gleich doch über meine Intelligenz redet. Genauso wie ich als behinderte Frau damit rechnen muss, dass auch Frauen*-Einrichtungen nicht barrierefrei sind.
Ich weiß, dass es schwer ist, immer mitzudenken, wer wo wie ausgeschlossen werden könnte. Es ist aufwendig, Bilder in Blogposts anständige Alt-Label zu versehen oder Transkriptionen von Audioaufnahmen zu erstellen. Irgendwann rutscht einer doch ein „das ist ja lahm“ heraus oder das Problem einer rassistischen Dekolampe erschließt sich nicht sofort. All das betrifft mich ja nicht. Und genau deshalb ist es so wichtig, trotzdem zuzuhören, Fehler einzugestehen und sich zu kümmern. Am Ende kann ich nach Haus gehen und mich nur noch mit Sexismus herumschlagen. Mehrfach diskriminierte Frauen* können das nicht.
December 13 2011
Sebastian Edathy und die kritischen Bloggerinnen
Ach Herr Edathy, das wäre ja nun nicht nötig gewesen. Nach seinem schon unsouveränen Löschfeldzug gegen Urmila Goel trat er auf Facebook noch einmal nach (der folgende Eintrag ist inzwischen aber wieder verschwunden):
„Es gab mal ne Zeit, da konnte man Leute, die beständig dummes Zeug redeten, erfolgreich auf die Ausgangstür hinweisen. Meistens half das. Dann kam das Internet. Seitdem Bloggen diese Leute vor der Tür, anstatt einfach beschämt nach Hause zu gehen.“
Der Fehler? Ihn darauf hinzuweisen, dass auch Kritik an Angela Merkel ohne Sexismus ablaufen sollte. Inzwischen hat er weitere Menschen aus seiner Freundschaftsliste gelöscht, die sein Vorgehen kritisiert haben, Urmila und ich können (eingeloggt) seine Facebookseite gar nicht mehr sehen. Worüber ich ihn noch nie kontaktiert habe.
Statt beschämt zu Hause zu sitzen, sitze ich nun vor dem Rechner und schreibe einen weiteren, „beständig dummen“ Blogeintrag. Denn wenn sich hier jemand schämen sollte, dann Herr Edathy für seinen Umgang mit kritischen Bürger_innen.
December 07 2011
Mit Kritik kann Sebastian Edathy wohl nicht so gut umgehen
Ich gestehe, dass mir Sebastian Edathy aufgrund seiner Position zur Vorratsdatenspeicherung und Ausdrucksweise schon seit Jahren unsympathisch ist. Nun hat er auch noch lieber Urmila Goel angepampt, die ihn auf Sexismus in einem Facebook-Beitrag hinwies. Eine sachliche Diskussion wollte Edathy dann anscheinend nicht und hat sie aus seiner Freundschaftsliste geworfen. Ich habe ihm daraufhin eine E-Mail geschrieben, die ich hier dokumentiere:
Sehr geehrter Herr Edathy,
mit Schrecken habe ich lesen müssen, dass sie lieber kritische Bürgerinnen aus ihrer Facebookliste löschen, als sich konstruktiv mit diskriminierender Sprache zu beschäftigen. Stattdessen ziehen Sie anscheinend die „Ich bin links, ich kann nicht sexistisch sein“-Karte, belehren eine Frau, was als Sexismus zu gelten habe und entziehen sich dann einer weiteren Auseinandersetzung durch Entfreunden. Ein souveräner Umgang mit Kritik sieht anders aus. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.
Mit freundlichen Grüßen,
Helga HansenPS: Da ihre Facebookseite für Nicht-Freund_innen nur ihre eigenen Beiträge zeigt, habe ich mich auf die Schilderung Urmila Goels verlassen, die sie unter http://andersdeutsch.blogger.de/stories/1953301/ nachlesen können. Ich behalte mir vor, diese Mail und weiteren Schriftverkehr zu veröffentlichen.
October 20 2011
Digitaler Identitätsklau (demnächst noch leichter)
„Hilfe ich wurde ausgeraubt und brauche 1.200 Euro für die Rückreise aus Spanien.“ Das stand in einer E-Mail von Steffi Dobmeier, wie sie auf taz.de erzählt. Dabei hatte sie diese Mail nie geschrieben, das E-Mail-Konto war gehackt worden. Um ihre richtige Identität zu beweisen, muss sie beim Mailanbieter und Facebook (der Account wurde aufgrund des gleichen Passworts „mitgehackt“) jede Menge persönliche Fragen beantworten.
Derzeit hält sich das Problem Identitätsklau in Deutschland noch in Grenzen. Aber je mehr wir über das Internet erledigen, umso mehr dürfte es sich ausweiten. Potentiellen Täter_innen wird es dabei zukünftig von genau den Stellen leichter gemacht, die eigentlich Schutz versprechen: Staaten und ihren Polizeien, bzw. Heimatschutzbehörden. Denn in den diversen Datenbanken, die gerade geplant werden und entstehen, werden genau die sensiblen Daten gesammelt, die auch Identitätsklau ermöglichen.
So musste Dobmeier angeben, mit wem sie wann kommuniziert und sich in ihren E-Mail-Account eingeloggt hatte, um diesen wieder zu bekommen. Genau die Daten, die im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung bei den Providern vorgehalten werden sollen. Bei einer Datenpanne, die im Wochentakt vorkommen, oder durch bewußten Missbrauch dieser Daten wird es für Betrüger_innen also noch leichter: Sie können dann einen Account nicht nur hacken, sondern auch die anschließende Idetitätsprüfung bestehen. Obwohl schon vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig befunden, wird derzeit wieder einmal über die Vorratsdatenspeicherung beraten.
Ebenfalls gerade in der Debatte ist die Speicherung von Passagierdaten (Passenger Name Records, PNR). Bisher werden schon eine Reihe an Daten von Fluggästen gespeichert. Nicht nur wo sie hinflogen, sondern auch was sie dabei gegessen haben und Details zu Kreditkarten, Pass etc. Flugreisende in die USA müssen darüberhinaus noch eine Reihe weiterer Daten angeben, etwa wo sie übernachten werden. Der PNR-Experte Edward Hasbrouck hat das US-amerikanische Heimatschutzministerium auf Einsicht in seine Akten verklagt und fand darin sogar aufgezeichnet, welche Bücher er gelesen hatte. Künftig sollen diese Daten zwischen den verschiedenen Strafverfolgungsbehörden auch noch ausgetauscht werden. Nicht nur sind dabei die Datenschutzbestimmungen in den USA äußerst lax – laut Hasbrouck wird bei aller Speicherwut nicht aufgezeichnet, wer auf die Daten zugreift. Missbrauch durch Stalker_innen, Erpresser_innen oder für Identitätsklau seien so Tür und Tor geöffnet.
Unter dem Deckmantel der Gefahrenabwehr werden hier also immer mehr Daten angehäuft, die nur allzu leicht in die falschen Hände fallen können. Schutzmechanismen sowie Strafen bei Datenverlust und -missbrauch werden dabei nicht debattiert. Datenschutzfreundliche Alternative, wie etwa die Speicherung von persönlichen Kommunikations- und Verkehrsdaten nur nach einem begründeten Verdacht, werden gerne als zu aufwändig abgelehnt. Über die neuen Probleme kann man sich ja dann Gedanken machen, wenn sie kommen. Statt vorausschauender, verantwortungsbewußter Politik gibt es bisher nur Bequemlichkeit, Scheuklappen und zugekniffene Augen. Ob sich daran in den kommenden Wochen etwas ändern wird?
PS: Wer sich für das Thema Speicherung von Passagierdaten interessiert, der kann sich heute in Berlin darüber bei Hasbrouck direkt informieren. Ab 19:30 ist er in der c-base.
October 14 2011
Subjektivität in Feminismus und dem Kampf gegen Vorratsdatenspeicherung
Feminismus und netzpolitischer Aktivismus haben für viele neben dem Aktivismus auf den ersten Blick nicht viel gemein. Wobei auffällt, dass Feminist_innen gerne den geringen Frauenanteil auf entsprechenden Tagungen und in entsprechenden Parteien kritisieren.
Tatsächlich bin ich gerade über ein gemeinsames Problem gestolpert, dass aber in beiden Kreisen (noch) nicht explizit thematisiert wird. Die Frage nach Subjektivität und Objektivität. Darauf gestoßen hat mich Stephanie Mayfield mit einer Analyse über feministische „Generationen“ und die unterschiedliche Bewertung von Subjetivität und Objektivität. Bis heute bewerten wir letzteres immer noch als höher ein, obwohl wir sie faktisch nicht erreichen können:
Es gibt keinen Abstand zur Gesellschaft den Menschen schaffen können, um die überhöhten Maßstäbe der Objektivität zu erfüllen.
Daran anknüpfend habe die Frauenbewegung hart dafür gekämpft, Subjektivität anzuerkennen, denn niemand wisse besser, was wichtig sei, als die Betroffenen selbst – wobei am Ende stets alle betroffen seien. Ein Kampf, der nicht gewonnen wurde, denn auch heute zucken vermutlich viele beim Wort „Betroffenheitspolitik“ zusammen. So dass auch Feminist_innen weiter immer wieder auf Studien, Erkenntnisse und andere vermeintlich objektive Argumente zurückgreifen.
Ein Zwiespalt, der sich auch in den Argumenten gegen die Vorratsdatenspeicherung wiederfindet. Denn natürlich handelt es sich hier um Betroffenheitspolitik. Wir alle sind davon betroffen, wenn jedes Einloggen ins Internet gespeichert wird und sich darauf aufbauend nachvollziehen lässt, welche Seiten wir besucht und mit wem wir kommuniziert haben. So ist das Hauptargument auch, dass derartige Überwachung, die Eingriffe in unser Zusammenleben abgelehnt werden.
Dennoch wird darüberhinaus mit allerlei Statistiken argumentiert – dass die Aufklärungsraten mit Vorratsdatenspeicherung nicht steigen, wie auch keine Straftaten verhindert werden. Auch hier wird also neben der Subjektivität noch eine objektive Ebene bemüht.
Für feministischen Aktivismus schließt Mayfield mit dem Konflikt zwischen den Generationen. Zum einen die Frauenbewegung, die Objektivität als „Metaebene der Politik“ anders definieren möchte. Zum anderen die jüngeren Feminist_innen, die die Freiheit des Individuums mit all seiner Subjektivität noch weiter in den Mittelpunkt stellen.
Ein Zwiespalt, der sicher auch für die netzpolitischen Aktivist_innen von Bedeutung ist.
September 17 2011
Endlich Zeit für Deep Space Nine
Hach Deep Space Nine. Immer wieder als die beste Star Trek-Serie gelobt (auch von mir), jetzt endlich im kompletten Durchlauf. Die Serie mit meisten Außerirdischen im Cast, mit den meisten People of Color, mit einem Planeten und seiner Gesellschaft, die sich aus ihrer Unterdrückungsgeschichte befreien – in der ersten Staffel sehr anschaulich an Kira Nerys umgesetzt, die dennoch ein Charakter bleibt und nicht zum Tropus verkommt. Während unter den Hauptcharakteren wieder einmal wenig Frauen sind, gibt es auch immer wieder außerirdische Anführerinnen. Völlig anekdotisch behaupte ich, dass es in den ersten beiden Staffeln, da bin ich bisher, mehr waren als in Star Trek Enterprise.
Das Highlight war bisher die letzte Folge der ersten Staffel, die mit Major Kira, Vedek Winn, Keiko O’Brien und der Ingenieurin Neela stark von den weiblichen Charakteren getragen wird. Leider ist derart viel „Frauenpower“ dann doch wieder die Ausnahme. Dazu im Vergleich noch mal ein Beispiel, das mir besonders aufgestoßen ist:
In der ersten Staffel, Episode 14, sind Dr. Bashir und O’Brien in einem bajoranischen Dorf, um sich um einen Kranken zu kümmern. Der Betroffene ist der Sirah, eine Art Kämpfer, der jedes Jahr eine zerstörerische Himmelsmacht, den Dal’Rok bekämpft. Dafür bekommt er von den anderen Dorfbewohnern Geschenke und „willige Frauen“. Am Ende stellt sich heraus, dass der Dal’Rok eine vom Sirah gesteuerte Erfindung ist, um die Dorfgemeinschaft zusammenzuhalten.
Eine ähnliche Folge gibt es in der zweiten Staffel (Episode 15). Hier landen O’Brien und Sisko auf einem Planeten mit einer menschlichen Kolonie, die aufgrund eines „duonetischen“ Feldes keinerlei elektronische Geräte verwenden kann. Für die Anführerin der Gemeinschaft, Alixus, scheint sich so ein Traum erfüllt zu haben. Immer stärker stellt sich dabei aber heraus, dass sie vor nichts zurückschreckt, um die Kolonie in genau diesem Zustand zu halten.
Beide Gemeinschaften sind quasi Sekten, die von ihren Führern manipuliert werden. Beide benutzen ihre Mitmenschen und etablieren Gefahren um durchzusetzen, was sie für das Beste für ihre Gemeinschaft halten. Alixus wird dabei besonders brutal dagestellt, im Kontrast zu Sisko, der an seinen Prinzipien festhält. Der Sirah nimmt vor allem ihm angebotenen Privilegien wahr, im Kontrast zu O’Brien, der sich natürlich „ehrenhaft“ verhält.
Hier kommen soviele Stereotype zusammen, dass es schwierig ist, einen Anfang zu finden. Der Sirah ist ein Kämpfer, der alte Sirah stirbt in „Ausübung seiner Pflicht“. Wie ein Feudalherr lässt er sich für seine Dienste entlohnen, bereichert sich auf Kosten der Dorfbewohner_innen und gefährdet ihr Leben. Er bildet sogar einen Nachfolger aus, der schließlich den Notfall- Sirah O’Brien als finale Prüfung „vom Thron stoßen muss“. Am Ende darf er diesen Betrug weiterführen, er wird gar nicht als solcher thematisiert. Dagegen ist Alixus eine böse Mutter, die das Leben ihrer Gemeinschaft mikromanagt, Frauen prostituiert, straft und auch ihren eigenen Sohn sterben lassen würde. Ihr Betrug wird enttarnt, sie stellt sich freiwillig der Strafe für ihre Taten.
Dabei ist zumindest der Subplot der Sirah-Folge besser gelungen. Die junge Bajoranerin Varis Sul muss als Dorfanführerin verhandeln lernen – eine Entwicklung bei der ihr zunächst leider nur Männer helfen. Dies passiert aber nicht oberlehrerhaft, stattdessen wird ihre selbstbestimmte Entwicklung gezeigt. (Und jetzt ratet mal, wie die Folge in der englischen Wikipedia beschrieben wird…)
Ein letztes Detail: Dass regelmäßig Chief O’Brien in schwierige Situationen gerat, war kein Zufall. Da er kein Offzier ist und Frau und Kinder hat schien er den Produzenten als besondere Identifikationsfigur für das Publikum. „O’Brien muss leiden“ war daher anscheinend tatsächlich ein Aufhänger vieler Folgen. Er war auch der einzige weiße Mann in der Hauptbesetzung. Just saying.
September 01 2011
Wie Vorurteile entstehen – eine Selbstbetrachtung anhand des Slutwalks
Inzwischen ist der Berliner Slutwalk eine Weile her. Zeit genug also, mal mit etwas Abstand drauf zu schauen. Interessant dabei ist im Nachhinein, dass ich einmal direkt und unmittelbar die Auswirkungen von Objektifizierung erfahren und vor allem – als solche einordnen konnte.
Aufgefallen ist mir das im Umgang mit der Presse. Nach einigen Jahren eigener journalistischer Arbeit für Radio und Zeitung, sowie zwei re:publica-Teilnahmen mit Radio-, Zeitungs- und Fernsehinterviews bin ich schon einiges gewohnt. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass ich in jedes Mikro quatsche, was mir vor die Nase gehalten wird.
Beim Slutwalk hat sich das geändert.
Als Freiwillige für das Ordnungs- und Awarenessteam kam ich am Slutwalk-Samstag mit ein paar anderen bereits vor dem Demobeginn an. Wir waren noch nicht einmal zum Rest der Gruppe gestoßen, als uns bereits die ersten Reporter_innen beäugten. Wenig später schaffte es bereits der erste – weiß, männlich, Mitte 20 – ein „darf ich sagen, dass ihr ganz schön scharf ausseht“ in unsere leicht uninteressierten Gesichter zu flöten. Neben dem augenscheinlich nicht ganz verstandenen Slutwalkhintergrund sei angemerkt, dass nur etwa die Hälfte von uns sich knapp gekleidet hatte. Bei gefühlten 30°C und Dauersonnenschein übrigens fast schon eine Herausforderung.
Bald ging es dann los mit der Vorbesprechung. Neben den Helfer_innen war auch die Zahl der Pressemenschen in die Höhe geschnellt. „Nervig“ beschreibt dabei das Verhalten einiger nicht mehr zutreffend. Ein weiterer Mann, ebenfalls weiß und um die 20/30, bestand darauf, dass wir ihm dringend Fragen beantworten müssten. Der Hinweis auf das Presseteam nütze nichts, die Bitte bis nach der Besprechung zu warten nur bedingt. Die erste „Pause“ (ich glaube, es wurden Zettel mit der Route rumgegeben) nutze er erneut, um nachzufragen. Anstatt ein „später“ zu akzeptieren, begann er diskutieren. Mein „wir sind hier noch beschäftigt, kannst Du nicht einfach warten bis wir fertig sind“ wurde schließlich mit „jetzt reg’ Dich mal nicht so auf“ quittiert.
Dieses konsequente Nichtzuhören und Ignorieren von Bitten und Anweisungen hat erst die ganze Vorbesprechung und später auch den Marsch an sich überschattet. Wenn man Fotografen schon fast anschreien muss, damit sie überhaupt mal zuhören und dann die Bitte, einen jetzt mal für ein paar Minuten allein zu lassen nur dahingehend erfüllen, dass sie einen Schritt zurück machen – dann zeigt sich erst in aller Deutlichkeit, warum Slutwalks, der Kampf für Respekt und Selbstbestimmung so wichtig sind.
Schließlich kam eine junge Frau mit einer Kamera, stellte sich vor und fragte sehr höflich, ob ich in einem Satz darlegen wolle, warum ich am Slutwalk teilnehme. Sie hat wirklich alles richtig gemacht. Trotzdem habe ich mich das erste Mal in meiner „Pressekarriere“ überwinden müssen, tatsächlich einzuwilligen. Nach all dem grenzverletzenden Verhalten zuvor erlebte ich mich selbst, wie ich jedes ihrer Worte, jede Geste im Geist noch einmal in Zeitlupe durchging und extra abklopfte. Ich merkte, wie ich einen inneren Zaun hochzog und mich dahinter zu verschanzen versuchte.
Schließlich habe ich dann mitgemacht und mich über das Video, wie auch den Artikel im Tagesspiegel gefreut. Zu der Qualität anderer Beiträge kann ich dagegen nur den Text von Paula empfehlen.
Wie ich in Zukunft mit journalistischen Anfragen umgehen werde, kann ich noch nicht abschätzen. Was mich nun interessiert, wären auf jeden Fall Statements der beschriebenen Fotografen und Journalisten. Verhalten sie sich immer so übergriffig und respektlos oder nur beim Slutwalk? „Verleitete“ sie gar der Schlampenlook dazu? Welche Rechtfertigung könnte es wohl geben, die nicht beweist, dass weitere Slutwalks dringend notwendig sind?
July 24 2011
Warum die Medien endlich mal die Klappe halten sollten
Ein Mensch hat fast 100 Menschen, darunter vor allem Kinder, getötet. Dass wir darüber reden müssen, uns austauschen müssen, unsere Gefühle verarbeiten müssen ist klar. Ebenso klar sollte langsam diversen Medien sein, dass das vernünftigste wäre, endlich mal die Klappe zu halten.
Wie nirgendwo sonst ist bei Amokläufen und Terroranschlägen (oder einer Mischung daraus wie hier), die gesellschaftliche Verantwortung der Medien deutlicher zu sehen. Für Selbstmorde ist das Problem der Nachahmungstäter lange bekannt, z.B. der Tagesspiegel berichtete 2000 über den sog. Werther-Effekt.
Ähnliches gilt auch bei Amokläufern, so Telepolis 2002:
Die zeitliche Verteilung der Amoktaten ist ganz offenbar nicht zufällig, da die Gewaltaktionen in aller Regel nicht länger als 18 Tage auseinanderliegen. Die Suizid-Forscher ziehen daraus den Schluss, dass diese Verbrechen für potentielle Täter ganz offenbar Vorbildcharakter haben. […]
Bei einer Reihe von Amoktätern wurden Zeitungsausschnitte und andere Dokumente über frühere Massenmorde gefunden, in Verhören berichteten die Täter, dass sie sich an entsprechenden Vorbildern orientiert hätten.
Spätestens jetzt sollte klar werden, dass wir verschiedene Debatten brauchen – über Islamfeindlichkeit, über Angst vor Überfremdung, über hasserfüllte Rhetorik. Eine ausführliche Debatte über den Täter und Bildergalerien als Schablonen für weitere Taten gehören nicht dazu!
July 13 2011
Zur Debatte um die Abschaffung des Rechtstaats und des tiefsten Mittelalters.
Ein wenig geriet in der Auseinandersetzung von Udo Vetter und Nadine Lantzsch der ursprünglich zentrale Punkt Nadines aus den Augen: Unser Rechtssystem, wie das vieler anderer Länder, wurde von weißen Männern entworfen und funktioniert bis heute weitestgehend auch so. Dabei gibt es weder absolute Gerechtigkeit noch einen absoluten Rechtsstaat, Ansichten ändern sich.
So galten Vergehen an wehrlosen Menschen (Babies, Kindern, Frauen, Betrunkenen) als weniger schwerwiegend als solche, bei denen Täter_innen mit Widerstand (also Männern) rechnen mussten. Verjährungsfristen bei z.B. Sexualdelikten machten es minderjährigen Opfern lange schwer, Vergehen anzuzeigen – wer noch von seiner Familie abhängig ist, überlegt sich eine Anzeige nicht nur zweimal. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit kurzem eine Straftat, genauso wie das Züchtigungsrecht von Ehemännern noch nicht lange abgeschafft ist und bis heute nicht jede_r einsieht, dass auch Kinder ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben.
Straftaten die dagegen häufiger von Frauen begangen werden, werden häufig als weniger schlimm angesehen, werden teilweise nicht von Gesetzen erfasst und bei Ermittlungen eher übersehen. Andererseits sitzen in den USA überproportional viele schwarze Männer im Gefängnis, z.B. für Drogendelikte, während weiße Männer bei vergleichbaren Straftaten deutlich glimpflicher davon kommen.
Das alles sind keine Gründe, auf Rechtssysteme ganz zu verzichten, aber man muss sie kritisch betrachten! Das funktioniert im Übrigen ganz gut, wenn es z.B. um die Sharia geht. Dort, so erzürnen wir und, gilt eine Frau nur halb so viel wie ein Mann und muss vier Zeug_innen einer Vergewaltigung aufbringen. Zwei Sekunden später sehen wir jedoch nicht mehr, dass uns anscheinend das Wort einer schwarzen Frau mit Migrationshintergrund weniger wiegt als das eines mächtigen weißen Mannes. Wir vergessen sogar die Arbeit von Psycholog_innen, nach denen Opfer von Vergewaltigungen oft versuchen, nach einer Tat Normalität herzustellen und vielleicht weiter ihrer Arbeit nachgehen, bis sie sich endlich zur Anzeige durchringen. Stattdessen legen wir das als Hinweis darauf aus, es könne sich nur um eine Falschbeschuldigung handeln. Da müssen wir nicht ins Mittelalter zurückgehen – die Ignoranz gegen Wissenschaft ist ja bis heute da.
Außerdem sollte sich wirklich jede_r noch einmal die Pressekonferenz des Anwalts des Opfers anzuschauen. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen den Staatsanwalt, dessen Arbeit mehr als inkompetent wirkt. Schön auch, dass dieser relativ sachliche Auftritt (eines Schwarzen!einself!) es nicht auf die Titelseiten schaffte, die familiäre Einträchtigkeit von Strauss-Kahn und seiner Frau dagegen schon. Mediale Inszenierungen sind genauso voll mit Rassismus und Sexismus, mit Erwartungen die an sie herangetragen und daher auch erfüllt werden.
PS: Warum alle Lügnerin schreien, weil die Hotelangestellte versucht hat, Probleme mit der Einwanderungsbehörde zu vermeiden, den Tathergang an sich aber wohl stets gleich beschrieben hat, ist mir bis heute ein großes Rätsel. Schließlich war Dominique Strauss-Kahn derjenige mit der Salamitaktik (ich war nicht da, ich war da und hatte keinen Sex, ich war da und wir hatten einvernehmlichen Sex).
June 26 2011
Fußball: Jetzt geht’s loooohooos
Heute ging’s endlich im Berliner Olympiastadion los! Wer in den nächsten Wochen keinen Bock auf Fußballcontent hat, sollte mit „Fußball“ beginnende Überschriften einfach nicht anklicken!
A wie Auftaktspiel
Ach, die Damen, da haben sie es sich heute doch etwas schwerer gemacht als nötig. Gerade einmal ein 2:1 schafften die Deutschen zum Auftakt gegen Kanada. Einerseits völlig verdient, da sie über weite Strecken das Spiel dominierten. Andererseits auch höchst knapp, zeigte Kanada doch schon in den ersten Minuten, dass sie viel Potential besitzen. Erste Chance nach 6 Minuten. Puh! Doch nach der Führung durch Kerstin Garefrekes in der 10. Minute waren die Kanadierinnen erstmal so perplex, dass lange nichts mehr ging. Einzelne Versuche blieben immer in der deutschen Abwehr stecken oder wurden bereits im Mittelfeld unterbunden.
Kurz vor der Pause dann der nächste Treffer von Célia Okoyino da Mbabi. In der zweiten Halbzeit versuchten die Deutschen die Führung zu erhöhen, wirkten aber immer mehr wie der VFL Osnabrück – bemüht, aber ohne Abschluss. Auch die Einwechslungen von Alexandra Popp, Inka Grings und schließlich Fatmire Bajramaj lösten dieses Problem nicht. Dass die Kanadierinnen ihre einzige Chance, auch noch einen Freistoß nutzten, und damit Nadine Angerer mal wieder ein Tor bescherten, überraschte dann nicht mehr. Vorher hatte der TV-Kommentator noch geunkt, ihnen gingen wohl die Kräfte aus, aber so schnell geht das dann im Frauenfußball heute doch nicht mehr.
Location: die B-Note
Geguckt habe ich das alles übrigens im Bonner Frauenmuseum, bzw. dem Hof, der (überall wo man noch halb die Leinwände sehen konnte) voll war. Das Publikum war noch einmal deutlich gemischter als inzwischen bei fußballerischen Großereignissen schon der Fall ist – viele Familien, junge Mädchen und ältere Frauen, dazwischen aber auch einige Männer. Dass es kein Bier sondern nur Kölsch gab, ist wohl eher den strukturellen Gegebenheiten der Region geschuldet…
Die weiteren Spiele mit deutscher Beteiligung gibt es dort auch zu sehen, wer also nicht allein vorm Fernseher hocken will, dem sei das Frauenmuseum empfohlen. In Anbetracht der Tatsache, dass es dort nur nach kurzzeitigem Leinwandausfall und der einhergehenden Abwanderung möglich war, einen Stehplatz mit Sicht zu ergattern, hoffe ich für die Zukunft aber auf weitere Public-Viewing-Locations!
PS: Was sonst noch so war
Zum Auftakt gab es heute auch noch Programm, eine brasilianisch angehauchte Trommelgruppe, sowie Miao Mio. Letztere habe ich heute leider verpasst, aber wenn ich den Auftritt vom Grimme Online Award richtig in Erinnerung habe, sind die ziemlich cool. Außerdem haben sie super Katzenbuttons… Apropos Grimme: Dort war ich mit Kübra bei der Aftershow-Party und wir haben uns über unser „nominiert, aber nicht gewonnen“-Dasein ausgetauscht. (Klick für Foto und man sieht, wir lächeln trotzdem noch!)
June 21 2011
Mit Omis über herrschaftsfreie Räume und (Post-)Privacy diskutieren.
Eigentlich wollte ich heute noch was zur Diskussion auf dem Podium von „Welche Chance bietet das Internet für die Demokratie?“ (PDF) schreiben. Ich hatte mir während der Veranstaltung sogar Notizen gemacht, aber dann waren zwei Diskussionen danach spannender. Provokant habe ich die Protagonist_innen in der Überschrift „Omis“ genannt. Nicht weil ich irgendeine Ahnung von ihrer Nachkommenschaft habe, sondern weil beide sehr interessiert daran waren, jungen Leuten die Teilnahme an der Demokratie (über das Internet) zu erleichtern oder sogar zu ermöglichen.
Zunächst hatte ich ein Gespräch am Stehtisch überhört, das in etwa wie folgt ging (der Einfachheit halber bleibe ich bei Omi, der „Typ“ war ein mittelalter, weißer Mann).
Omi: „Ich hätte mir ja gewünscht, dass es hier noch mehr Informationen über das Internet gibt.“
Typ: „Da gibt es ja heute schon Einrichtungen, die ihnen zeigen, wie sie ins Internet gehen können.“
Omi: „Das meine ich nicht, das weiß ich ja. Aber mehr über die Frage, wieviel kann und muss ich von mir preisgeben.“
Typ: „Na, sie müssen das ja nicht machen.“
Omi: „Aber dann kann ich doch nicht mitreden.“
Den weiteren Verlauf habe ich leider nicht mitbekommen. Aber die Frage, wieviel kann ich preisgeben, wieviel muss ich preisegeben, um mich beteiligen zu können, halte ich für eine der wichtigsten. Auftrieb hat sie nicht erst zuletzt mit dem Hoax um Amina bekommen, in dessen Mittelpunkt die Frage nach Vertrauen steht. Wem vertrauen wir wann, ab wann wird uns vertraut?
Umgedreht wird ein Punkt draus, der in der Post-Privacy-Debatte bisher noch nicht erläutert wurde: Gibt es einen Punkt, ab dem man mir nicht mehr vertraut, weil ich zuviel preisgegeben habe?
Später erläuterte mir eine andere ältere Dame ihre Vision eines politischen Forums im Internet. Eine Mischung aus Habermas’ herrschaftsfreiem Raum und römischen Forum, als meinungsbildendem Ort, dessen Ergebnisse wiederum in die Politik einfließen sollten. Während ich dies in Anbetracht von Spam und Trollen und den damit verbundenen Moderationsmechanismen eher als Utopie sehe, war sie der Überzeugung, dabei handele es sich lediglich um Vorgaben, Herrschaftsfreiheit sei trotzdem gegeben.
Schließlich stieß die bereits vorgestellte Dame zu uns und wir diskutierten noch ein wenig über die grundsätzliche Frage, wie die Beteiligung aller Bürger_innen, also auch von weniger priviligierten Gesellschaftsschichten, möglich sei.
Im Fazit: Schade fand ich, wieder einmal, dass sich so wenig Frauen an der (öffentlichen) Diskussion beteiligt haben. Weder die älteren Damen, noch eines der zahlreichen jungen Mädchen, die auch da waren. Mädels, Frauen, Damen, Omis, ihr habt soviele tolle Ideen und Gedanken, die auch der allgemeinen Diskussion wichtige Anstöße verpasst hätten!
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